<<< Ein Beispiel aus der
mittelalterlichen Geschichte

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„Wer sich in die Gewalt eines anderen kommendiert“
Zur Didaktik des Mittelalterunterrichts am Beispiel des Lehnswesens (Fortsetzung)

von Prof. Dr. Thomas Martin Buck (PH Freiburg)

6. Mittelalter und Mittelalterrezeption

Wenn wir aus dieser Geschichte etwas lernen können, dann dies: Es gibt nicht nur das historische Mittelalter als zeitlich längst vergangene, abgeschlossene und unserer Gegenwart entrückte Epoche, deren wissenschaftliche Erforschung Gegenstand der Mediävistik ist. Es gibt auch aktuelle Bilder und Vorstellungen vom Mittelalter, die sich die Menschen, so stereotyp oder fundiert sie auch sein mögen, zu allen Zeiten machen und gemacht haben.[57] Das sind zwei Ebenen, die man bei der historischen Auseinandersetzung mit dem Mittelalter, aber nicht nur mit dem Mittelalter, streng unterscheiden muss.[58] Denn diese Bilder und Vorstellungen sind es, von denen jede Beschäftigung mit dem Mittelalter in Schule und Unterricht heute ausgehen muss . Vom Mittelalter selbst, der ebenso vergangenen wie abgeschlossenen Epoche, kann die historische Beschäftigung nicht ausgehen; denn es ist – wie alle Geschichte – unwiderruflich vergangen und vorbei. Diese gegenwärtigen Bilder und Vorstellungen sind daher sozusagen der natürliche und lebensweltliche Ausgangspunkt jeder Beschäftigung mit dem Mittelalter. An dem Umgang mit diesen Bildern muss sich jede Didaktik, die mittelalterliche Geschichte angemessen vermitteln will, messen lassen. Das gilt vor allem für die Öffentlichkeit, für die Schule, aber auch für die Hochschule.

Denn auch wir, die wir uns mit dem Mittelalter beschäftigen, haben bestimmte Vorstellungen vom Mittelalter. Diese Vorstellungen sind gewiss nicht falsch. Aber es ist die Frage, ob sie einer wissenschaftlichen Überprüfung in jeder Hinsicht standhalten. Man denke etwa nur an die Hexenverfolgung, die allgemein im vorwissenschaftlichen Geschichtsbewusstsein als mittelalterliches Phänomen wahrgenommen wird, aber gleichwohl ein frühneuzeitliches ist.[59]

Was ich sagen will, ist Folgendes: Diese Bilder, die wir alle vom Mittelalter haben, können, didaktisch gesehen, nur der Ausgangspunkt, nicht aber der Endpunkt unserer Auseinandersetzung mit dem Mittelalter sein, vor allem dann nicht, wenn wir Anspruch auf ein wissenschaftlich fundiertes und an den Quellen überprüfbares Bild vom Mittelalter erheben wollen. Hier haben wir den Schülern gegenüber, die häufig erstmals systematisch im Unterricht mit dem Gegenstand konfrontiert werden, eine gewisse Verantwortung. Was wir vermitteln, sollte daher ein Mittelalterbild sein, das der kritischen Überprüfung standhält und nicht nur aktualisierende Tendenzen der eigenen Gegenwart wiedergibt.

Denn das, was Bismarck im Augenblick seiner Berufung bewusst aufruft, ist ein unkritisches, weil einseitiges Mittelalterbild. Es ist das Bild der unverbrüchlichen Treue, die der Lehensmann seinem Lehensherrn schuldet. Dieses Bild ist nicht nur deshalb falsch, weil es die lehnsrechtliche Treuebindung, die ja durchaus auch ein Widerstandsrecht kannte,[60] überhöht. Es ist auch deshalb falsch, weil es Bismarck nicht eigentlich um die Vergangenheit geht, sondern um die „Bewältigung der in eine Krise geratenen Gegenwart“.[61] Die Vergangenheit, die Bismarck ebenso unvermittelt wie gezielt aufruft, kann und will im Moment ihrer Evokation gar nicht verstanden werden. Sie dient nur als Mittel zum Zweck. Es fehlt ihr etwas, was, hermeneutisch betrachtet, zu allem historischen Verstehen notwendig ist: die nötige Kontextualisierung. Es fehlt der Zusammenhang, in den das historische Phänomen eingebunden ist und aus dem heraus es allein zureichend verstanden werden kann.

Das Problem dieser aktualisierenden Bilder vom Mittelalter besteht mithin nicht nur darin, dass sie sich oft allzuweit von der historischen Wirklichkeit entfernt haben. Das Hauptproblem besteht vielmehr darin, dass sie auf die politischen Verhältnisse der Gegenwart nicht mehr einfachhin übertragbar sind. Denn sie enthalten Voraussetzungen, die nur historisch erklärbar und nachvollziehbar sind. Insofern schließt sich eine Applikation des mittelalterlichen Lehnswesens auf die moderne politische Gegenwart eigentlich a priori aus. Denn diese politische Gegenwart – und das muss Schülern in diesem Zusammenhang klar werden – kennt eine Institution, die das gesamte Mittelalter so noch nicht kannte, eine Institution, deren Fehlen das Lehns- und Benefizialwesen aber allererst verständlich macht. Die moderne Mittelalterrezeption bedarf insofern – aus der Sicht der Moderne – häufig einer vermittelnden Korrektur, – und dies vor allem dann, wenn sie Vergangenheit verklärt, überhöht oder bewusst, wie das Bismarck tut, zur Delegitimation der politischen Gegenwart verwendet.

Verklärungen der mittelalterlichen Geschichte zu aktuellen Zwecken sind verständlich; sie haben ihre Wurzel aber in den Bedürfnissen der eigenen Zeit.[62] Mit der Vergangenheit haben sie im Allgemeinen wenig zu tun. Es geht insofern nicht zu weit, wenn man hier von bewusster Vereinfachung, Vereinseitigung, Instrumentalisierung oder Ideologisierung von Geschichte spricht. Die Aufgabe der Mittelalterdidaktik an der Hochschule wie an der Schule muss es daher sein, solchen Verkürzungen und Vereinseitigungen entgegenzuwirken, also die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen, um eine angemessene historische Erkenntnis des Mittelalters zu ermöglichen. Das ist angesichts der Situation des Geschichtsunterrichts an den Schulen gewiss schwierig, muss aber nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt sein.

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[57] Vgl. Goetz, Gegenwart des Mittelalters (wie Anm. 43) S. 9.

[58] Bergmann (wie Anm. 22) S. 12 spricht in diesem Zusammenhang von der „öffentliche[n] Gegenwärtigkeit“ von Geschichte. Vgl. auch Sauer, Geschichtsdidaktik (wie Anm. 2) S. 217.

[59] Vgl. den an Jugendliche gerichteten Fragenkatalog bei Borries, Das Geschichtsbewusstsein Jugendlicher (wie Anm. 21) S. 59 und 454 sowie Winfried Schulze, Deutsche Geschichte im 16. Jahrhundert 1500–1618, Frankfurt a. M. 1987, S. 273–282.

[60] Vgl. Winfried Schulze, Einführung in die Neuere Geschichte, Stuttgart 1987, S. 67–74 und Reinhard (wie Anm. 44) S. 226 ff.

[61] Goetz, Geschichte als Argument (wie Anm. 53) S. 69.

[62] Vgl. Althoff (wie Anm. 46) S. 3.

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